nicht müde werden sondern dem wunder leise wie einem vogel die hand hinhalten. (hilde domin)

Donnerstag, 5. Februar 2015

adieu

liebe liebe nonna. eigentlich bist du ja meine schwiegermutter, aber hier bei uns heißt du nur nonna (italienisch für oma), und so hat sich diese bezeichnung fast wie ein name in meine gedanken geschlichen.

seit ich dich kenne (und noch mindestens 15 jahre davor) warst du krank, unheilbar mit multipler sklerose. als ich das erste mal bei euch zu besuch kam, warst du noch mobil, im rollstuhl zwar, aber du bist rumgefahren, hast gekocht und gefegt und gemacht was halt ging. mein erstes kind, dein zweites enkelkind, konntest du noch auf dem schoß halten, bist mit ihr über die terrasse gefahren, hast ball gespielt, warst sogar mit uns am strand. im laufe der jahre wurdest du so schwach, daß du nicht mehr sitzen konntest, und so hast du die beiden jüngeren kinder nie auf dem arm halten können, sie lagen stattdessen neben dir im bett, in deinem arm. sie waren dir gegenüber leider immer zurückhaltend, weil du immerzu im bett lagst. auch wenn wir oft bei dir saßen, zum reden, zum erzählen von früher, zum kaffeetrinken oder auch mal zum fernsehen, so normal es eben ging. doch für sie blieb die situation immer befremdlich, denn wir konnten ja nur einmal im jahr die weite reise zu euch machen. schade und ein bißchen traurig fand ich das, aber du hattest dafür verständnis.

so viel hattest du zu erzählen. von deinem leben als kind auf dem land in sardinien, zu einer zeit, als es dort noch kaum autos gab, ihr 20 km zu fuß zu eurer nonna zu besuch gegangen seid. als die heutigen strassen noch einspurige feldwege waren. als noch alles von hand gemacht wurde, mit bäuerlichen holzgerätschaften und menschen- oder tierkraft. was du als kind mit deinem 5 schwestern alles erlebt hast, wie du als jugendliche nicht kochen lernen wolltest - und dann doch später viele köstlichkeiten für uns zaubertest. von deiner übersiedlung nach deutschland 1963, und wie unglaublich unfreundlich und garstig oft mit euch umgegangen wurde, obwohl ihr doch als 'gast'arbeiter hergebeten worden wart. ich bin ja froh, daß ihr gekommen seid und ausgehalten habt, und froh über den 'betriebsunfall' im ersten jahr eures hierseins, der 35 jahre später mein mann wurde ;-).

ich habe deinen erzählungen immer gern gelauscht, weil es dich mir näherbrachte und auch eure insel, eure kultur. alles kanntest du,  jede pflanze die ich dir beschrieb, weil ich den namen nicht wußte, jedes tier, tricks zum einmachen, wie die speziellen backwaren bei euch gemacht wurden. trotz aller beschwernisse in deinem leben hast du vor allem vom schönen und fröhlichen erzählt. und alles hast du uns auf deutsch erzählt, deiner drittsprache, die du auch nach eurer rückkehr auf eure insel immer weitergepflegt hast. das hat mich immer davon abgehalten, flüssig italienisch zu lernen!

du (und dein mann) und eure insel, ihr seid mir sehr ans herz gewachsen. jedes jahr, wenn wir von euch wegfuhren, mußte ich weinen, weil mir der abschied so schwer fiel. "bis nächstes", sagtest du immer, aus deiner sprache wörtlich ins deutsche übersetzend. das blieb mir immer im ohr, "bis nächstes"!

nun gibt es kein nächstes, zumindest nicht auf erden, und ich weine hier vor mich hin und vermisse dich, obwohl ich gleichzeitig so froh bin, daß du endlich erlöst bist.

woran du letztendlich gestorben bist, weiß ich garnicht, und es ist auch egal. denn ich bin von herzen froh, daß du der geräte(intensiv)medizin zuvorgekommen bist. da wo du lebtest ist es nämlich nicht erlaubt, geräte abzuschalten, wenn der betreffende mensch das will. also wärst du, wenn zb deine lungen oder die schluckmuskulatur noch schwächer geworden wären, an das entsprechende gerät angeschlossen und am leben gehalten worden, ob du wolltest oder nicht. so aber ging es wohl recht schnell, gestern an deinem 75. geburtstag warst du noch munter und heute morgen ging es auf einmal bergab. ich hoffe, sie haben keine hektik um dich herum gemacht, sondern dich ruhig gehen lassen. deinen mann haben sie angerufen (er wohnt in einem seniorenwohnhaus, du in einem pflegeheim), daß er kommen soll, aber darauf konntest du dann nicht mehr warten. es war eben zeit.

adieu, nonna, du liebe.
gute reise, wohin sie dich auch führen mag.
flieg mit den vögeln, zieh mit dem wind.
nun darfst du endlich frei sein.

Kommentare:

  1. Oh je, liebe Frau Siebensachen, es tut mir von Herzen leid, dass ihr von euerer Nonna Abschied nehmen müsst. Ich wünsche dir, deinen Kindern und vor allem deinen Mann ganz viel Kraft, eine Mama gehen zu lassen ist immer ganz besonders schwer. Und dann auch noch so so weit weg...könnt ihr denn zum Abschied zu ihr fahren?
    Du hast deinen Abschiedstext wunderschön geschrieben, und ich bin mir ganz sicher, dass es stimmt wie du es schreibst, wir werden frei, wenn wir von hier gehen.
    Fühle dich umarmt und lieb gegrüßt , Jasmin ( oder eben Frau öm )

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  2. mein mann ist mit seinen brüdern heute hingeflogen, morgen ist schon die beerdigung. ich wär auch gerne mit, aber dann hätten die kinder auch mitgemußt (kann sie ja nicht allein hierlassen...), und dafür reicht das geld nicht. so mache ich meinen abschied halt hier, mit meinem obigen text, meinen gedanken und gefühlen. schon spannend: ich trage mich den ganzen tag mit gedanken an sie, selbst bei der arbeit, und obwohl ich genug geschlafen hab die letzte nacht, bin ich sehr erschöpft. da arbeitet was innerlich und braucht viel kraft.
    danke für deine lieben worte!

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  3. Puhhhhh .... ich sitze hier und habe Tränen in den Augen. ....
    Mein tief empfundenes Beileid Dir und Deiner Familie...
    Gut das "nonna" dem ganzen intensiv Geräte Kram "entkommen" ist...

    ♥-lich liebe Grüße von Sarah die sonst "nur" still mitliest

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  4. Liebe Frau SIebensachen, hier brennt jetzt meine Oma-Kerze für sie, für Euch. Ich wünsche Euch Kraft für all die langen Schritte des Abschieds, Uta

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  5. danke, ihr lieben.
    die feierlichkeiten gestern waren schön und berührend, berichtete herr siebensachen mir abends per telefonino. viel örtliche verwandschaft, die die aus deutschland angereisten familienmenschen aufgefangen und mitgetragen hat. und es schüttete wie aus eimern, völlig unüblich für dortige verhältnisse.

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  6. Ich lese es erst jetzt ....
    Du hast so schön geschrieben, die Liebe ist in jedem Absatz zu spüren.
    Abschied tut weh, und doch hab ich das Gefühl es ist gut so wie es für sie war. Ich wünsche ihr "alles Gute", da wo immer sie jetzt ist.
    Und Euch viel Kraft und immerwieder die wundervollsten Erinnerungen
    alles Liebe
    Elisabeth

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