nicht müde werden sondern dem wunder leise wie einem vogel die hand hinhalten. (hilde domin)

Montag, 10. Juni 2013

in auflösung

seit zweieinhalb monaten bin ich - zT mit meinen geschwistern - mit der auflösung der wohnung unseres vaters beschäftigt. das klingt geschrieben etwas lang, doch war ich ja auch drei wochen nicht hier. zum glück können wir die kündigungsfrist voll ausnutzen, das geld war da, bis ende juni die miete zu zahlen. so kann diese auflösung in aller ruhe stattfinden.

am anfang war mir das ein riesengroßer angang. zwar habe ich nie in dieser seiner letzten wohnung gelebt, doch gab es noch unglaublich viele dinge, die ich seit meiner frühesten kindheit kenne, zwischen denen ich groß geworden bin. ich sehe mich noch zweijährig vor dieser bücherwand sitzen und in den dicken kunstbänden blättern. himmel, ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, mich von all dem zu lösen.

dann fingen wir langsam an, jedeR nahm schonmal mit, was ihr/ihm als erinnerung wichtig war, wir geschwister ebenso wie freunde und bekannte, die wir dazu eingeladen hatten. es entstanden lücken im 'gesamtkunstwerk' der wohnung (vater hatte es sich sehr schön gemacht, vieleviele bilder an den wänden, wurzeln, steine, treibholz zu verschiedenen dekorationen arrangiert, etliche schöne und 'kitschige' porzellan- und glasdinge in den regalen zwischen den büchern - frau kirschkernzeit hätte ihre freude!).

der auflösungsprozess begann. ich merkte mit jedem mal, das ich zwischen meinem alltag in seiner wohnung war - hier eine stunde, da eineinhalb -, daß es mir leichter fiel, mich von den dingen zu trennen. je größer die lücken in den regalen wurden, je unpersönlicher die wohnung wurde, desto leichter wurde es mir. wohnungsauflösung als trauerarbeit.

dabei war und bin ich total erstaunt, wieviele erinnerungen durch einzelne gegenstände geweckt wurden, an die ich jahrzehnte nicht gedacht hatte, die trotzdem irgendwo in meinen hirnwinkeln schlummerten. auch wenn es mit tränen verbunden war, war es so schön, diese erinnerungen zu haben und nochmal zu erleben. ich bin gespannt, ob sie irgendwann nocheinmal geweckt werden, und wenn ja, wovon. ob ich sie selber wecken kann, ob sie von allein aufwachen? denn die dinge, die sie weckten, sind nun zumeist fort.

ich habe das meiste weggegeben, nicht weggeworfen. es war mir ein bedürfnis, daß die dinge einen platz bekommen, wo ein mensch sie mag oder gebrauchen kann. die meisten kunstbände hat ein kunstgeschichtslehrer unserer schule für die schulbibliothek abgeholt - fast kopfschüttelnd, daß ich sie nicht behalten mag. die kleidung und vieleviele bücher sowie der meiste hausrat kam zur tafel bzw ähnlichen einrichtungen. mehrere kisten literatur hat die gefängnisbibliothek bekommen. eine junge frau holte die waschmaschine für ihre erste eigene wohnung. was wir gebrauchen können, haben wir hier (auf die weise hab ich zb ein neues bügeleisen, ohne knoten in der schnur *lach*).

die ganz persönlichen dinge, unterlagen, fotos, eine strickjacke, habe ich hier bei uns in einen alten schrank von ihm gelegt, einen opa-erinnerungs-schrank. ein bißchen wie ein museum *zwinker*: die tür geht auf, und ich schaue in sein leben. wie wenig - so rein materiell betrachtet - doch von einem leben bleibt! innerlich bleibt natürlich unglaublich viel, und ich freue mich immer wieder daran, was er mir mitgegeben hat im leben.

er fehlt mir trotzdem. ihn nicht mehr 'irgendwodadraußenaufdieserwelt' zu wissen, ist schon seltsam. er war doch bisher immer da... mich mit dieser neuen ebene anzufreunden, ist nicht immer einfach, aber gut!

...irgendwie fehlt mir ein schlußsatz, aber es kommt keiner... dann also so.

Kommentare:

  1. Dein Post berührt mich sehr. Ich konnte den Tod meiner Großeltern auch gut beim Wohnungsräumen bearbeiten, "verarbeiten" wäre zu viel gesagt. In solchen Momenten fand ich es auch immer sehr tröstlich eine große Familie zu haben, und diesen Aufgaben nicht allein begegnen zu müssen. Ich bügle übrigens auf dem Bügelbrett meines Großvaters und denke jedes Mal an ihn während ich es tue. :-)
    Ich wünsch dir von Herzen, dass du die Schätze Eurer Gemeinsamen Zeit gut bewahren kannst und sie dir immer wieder Kraft geben.
    Alles Liebe, Katharina

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  2. eine wundervolle Liebeserklärung. Danke für deine Worte.

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  3. Und mir fehlt ein Kommentarsatz ...
    Danke, dass ich das lesen durfte. Ich nehme Berührung mit, und ein warmes Gefühl, und sinne nach über unsere Abschiede hier ...

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